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Route der Guyanaexpedition
Spät abends landet unsere Maschine
auf dem Timehri Airport, 40 Kilometer außerhalb von Georgetown, der Hauptstadt
Guyanas. Neben Martin und Gerald, die schon an der Borneoexpedition teilgenommen
hatten, ist als dritter Mann Markus Ziebell dabei. Er ist ein 34-jähriger
Maschinenbauingenieur, der über umfangreiche Reiseerfahrungen verfügt.
Nach Touren auf Grönland, Alaska und Feuerland ist dies allerdings seine
erste Kanuexpedition im tropischen Regenwald.
Die Einreiseformalitäten durchlaufen wir problemlos, leider stellt sich
heraus, daß der Rucksack von Martin nicht mitgekommen ist.
Murvin von Rimas Guesthouse, in dem wir unsere erste Übernachtung gebucht
haben, bringt uns in seinem Wagen in die Stadt. Wenn er sich nicht um
das Hotel kümmert, wäscht er Gold im Landesinneren. Seine Erzählungen
geben uns einen Vorgeschmack, auf das was uns erwartet.
Am nächsten Morgen beginnen wir mit den Vorbereitungen für die Expedition.
Gute Hilfe leistet dabei Wilderness
Explorers, ein guyanisches Reiseunternehmen, mit dem wir bereits in
Deutschland e-mail Kontakt aufgenommen hatten.
Mit ihrer Unterstützung ist es kein Problem, die Genehmigungen für die
Indianerdörfer zu erhalten, die auf unserem Weg liegen. Der Beamte im
bureau of amerindian affairs ist selber indianischer Abstammung und zeigt
sich interessiert an unserer geplanten Reise. Natürlich vergisst er nicht,
uns vor den Kaimanen zu warnen!
Etwas anders drückt sich Sandy de Freitas aus. Sie lebt auf Dadanawa,
der größten Ranch im Süden des Landes. Als wir sie bei Wilderness Explorers
treffen, begrüßt sie uns mit den Worten: "Ihr seid also die verrückten
Deutschen, die auf dem Essequibo sterben wollen".
Na ja, uns ist klar, daß 500
Kilometer auf zwei Urwaldflüssen, die zum Teil mit Stromschnellen und
Wasserfällen gespickt sind und durch absolut unbewohnte Wildnis führen,
nicht unbedingt einfach sind. Aber wir werden sehen!
Zwar hat Georgetown mit seinen breiten Alleen und einigen schönen Holzhäusern
aus der holländischen Kolonialzeit einen gewissen Reiz, dennoch sind wir
froh, als Martins Rucksack endlich da ist und wir in das Innere aufbrechen
können. Ursprünglich hatten wir vor, mit einem LKW auf der Piste in den
Süden zu fahren. Da wir aber bereits einige Zeit durch das Warten auf
das fehlende Gepäckstück verloren haben, ziehen wir vor zu fliegen. Außerdem
hat es sehr viel geregnet, so daß die Piste wahrscheinlich in schlechtem
Zustand ist.
Kurze Zeit nach dem der 9-sitzige Flieger abgehoben hat, weichen die Zuckerrohrplantagen
und verstreuten Siedlungen zurück und machen dem fast ununterbrochenem,
grünen Teppichs des Regenwaldes Platz. Jetzt stellen wir mit eigenen Augen
fest, daß das Land von der Größe Großbritanniens extrem dünn besiedelt
ist. 90% der 750000 Einwohner leben in einem schmalen Küstenstreifen,
das Landesinnere ist fast menschenleer.
Etwas unheimlich wird uns, als wir in einen heftigen Tropenregen geraten,
der die Sicht fast auf null reduziert. Doch dann haben wir die Schlechtwetterfront
hinter uns, die Ausläufer der Pakaraima Berge tauchen auf, und abrupt
endet der Wald. Wir haben die Rupunni Savanne erreicht, ein Grasland mit
verstreuten Indianersiedlungen und einigen großen Ranches. In Lethem an
der brasilianischen Grenze endet der Flug. Wir kaufen 30kg Verpflegung
pro Person, im wesentlichen Reis, Nudeln, Mehl und Farine, das ist geröstetes
Maniok.
Schon am nächsten Tag geht es im Geländewagen, den wir für teures Geld
gechartert haben, über die Savanne weiter nach Süden. Hohe Termitenbauten
und verstreute Palmenhaine erinnern an Afrika. Beim Durchqueren angeschwollener
kleiner Bäche versinkt der Wagen manchmal tief im Wasser, schafft es jedoch
immer die andere Seite zu erreichen. Schließlich müssen wir den Rupunni
überqueren. Wir erwarten eine Motorfähre, sind dann aber überrascht, als
etwa 15 Cowboys von der nahegelegenen Dadanawa Ranch, den Ponton aus Ölfässern
mit Muskelkraft auf die andere Seite ziehen und schieben. Duane, der Verwalter
der Ranch, dessen Frau wir in Georgetown trafen, hat unsere geplante Tour
schon einmal duchgeführt. Dabei verlor er allerdings sein Motorboot mit
allen Vorräten an einem Wasserfall. Er schätzt unsere Chancen die Befahrung
erfolgreich durchzuführen als ziemlich gering ein. Davon lassen wir uns
natürlich nicht entmutigen und erreichen abends das von Wapisiana-Indianern
bewohnte Dorf Aishalton. Hier treffen wir Regis James, einen 32-jährigen
Indianer, der bereits häufig vor allem wissenschaftliche Expeditionen
begleitet hat, und gleich zusagt uns zu begleiten. Ein Brief der unser
Kommen ankündigte, erreichte ihn bereits vor einem Monat. Regis war uns
von Dr. Jevan P. Berrangé empfohlen worden, einem britischen Geologen,
der Anfang der 70er Jahre den Süden Guyanas kartiert hat. Nach unserer
Borneo-Expedition hatten Martin und ich überlegt, daß es sinnvoll ist,
in Südamerika mit zwei Booten unterwegs zu sein. Aus Sicherheitsgründen,
aber auch um lebendigere Fotos zu erhalten. Markus hatten wir über eine
Anzeige im Internet kennengelernt. Als vierten Mann beschlossen wir einen
Einheimischen mitzunehmen, da man viel mehr über eine Gegend erfährt,
wenn man einen kundigen Begleiter hat. Auf der Expedition stellte sich
heraus, das wir mit Regis eine ausgezeichnete Wahl getroffen hatten.
Einige tiefe Bäche mit steilen Uferböschungen machen den Weg ab Aishalton
für Geländewagen unpassierbar. Daher laden wir unser Gepäck auf einen
Karren, der von zwei Ochsen gezogen wird.

Mit dem Ochsenkarren über die Rupununi-Savanne
Leider habe ich mir eine schwere
Erkältung zugezogen. Unter Fieber und häufigen Hustenattacken schleppe
ich mich dahin. Trotzdem bin ich von der weiten Landschaft mit ihren rollenden
Hügeln begeistert, über die zahlreiche Greifvögel kreisen. Die starken
Regenfälle der letzten Zeit haben das Land mit sattem Grün überzogen.
Oft kommen wir an Flächen vorüber, die noch vor kurzem überschwemmt waren.
Die Eltern von Regis, denen das Gespann gehört, begleiten uns bis zum
nächsten Ort, den wir abends erreichen.
Karaudanawa ist eine sehr ausgedehnte Siedlung. Zwar leben hier nur etwa
1000 Menschen, aber zwischen den einzelnen palmblattgedeckten Lehmhäusern
liegen weite offene Flächen. Wir zeigen unsere Genehmigung vor und werden
vom Chef des Dorfes freundlich begrüßt. Die Tuschau oder Captain genannten
Oberhäupter der Indianer werden regelmäßig neu gewählt und haben eine
wichtige Funktion im Dorfleben. Seit mehr als 50 Jahren sind die Wapisiana
missioniert und tragen westliche Kleidung. Viele setzen dennoch ihren
traditionellen Lebenstil fort, in dem der Wanderfeldbau von Maniok die
größte Rolle spielt, aber auch Jagd und Fischfang ihren Beitrag zur Ernährung
leisten. Die jungen Männer wandern allerdings zunehmend in die nahegelegenen
Städte Brasiliens ab.
Am nächsten Morgen setzen wir unseren Weg mit einem frischen Ochsengespann
fort. Stellenweise müssen wir den Karren steile Böschungen hochschieben,
oder die Fahrt bergab abbremsen, um zu verhindern, daß der schwere Wagen
den Ochsen in die Hinterbeine fährt.
Immer wieder durchqueren wir in die Savanne eingesprengte Dschungelinseln.
Große Rote oder Blaugelbe Aras bieten faszinierende Anblicke.
Wir übernachten bei der Hütte einer Familie, die in der Nähe ihrer Felder
liegt. Die Savanne ist zu trocken für den Anbau von Maniok und anderer
Feldfrüchte, deshalb müssen die Indianer oft weit laufen, um zu ihren
Gärten zu gelangen. Um den weiten Weg nicht jeden Tag zurücklegen zu müssen,
schlafen sie in provisorischen Hütten in der Nähe ihrer Felder.
Am dritten Tag unserer Wanderung zum Kuyuwinifluß lassen wir die Savanne
hinter uns. Offenbar ist es schon lange her, daß dieser Wegabschnitt befahren
wurde. Häufig müssen wir die Äste umgestürzter Bäume beiseite räumen.
Erst kurz vor Einbruch der Dämmerung erreichen wir den Fluß, wo wir zum
ersten Mal unsere beiden Zelte aufschlagen.
Das laute Konzert der Brüllaffen verrät, daß wir nun endgültig in den
Regenwald eingetaucht sind.
Wir benötigen am nächsten Morgen einige Zeit, bis unsere beiden Schlauchkanus
beladen und aufgepumpt sind, haben aber keine Probleme unser für 30 Flußtage
kalkuliertes Gepäck unterzubringen.
Schon nach 20 Minuten paddeln, sehen wir am rechten Ufer einige schnittige
Einbäume liegen. In das steile Ufer gegrabene Treppenstufen führen zu
dem erst vor wenigen Monaten gegründeten Dorf Kuyuwini Landing. Es wird
von Wai-Wai Indianern bewohnt, die vorher weiter im Süden des Landes ansässig
waren.

Wai-Wai Kinder
Die Wai-Wai gelten als die
am wenigsten von der Zivilisation beeinflußten Indianer Guyanas. Ihre
Schießkünste mit Pfeil und Bogen sind unter den 8 anderen Stämmen des
Landes berühmt. Wir nutzen die Gelegenheit und kaufen einen Bogen. Regis
ist zwar kein Wai-Wai, beherrscht aber ebenfalls diese Waffe. Außerdem
erstehen wir einige riesige Angelhaken. Unsere mitgebrachten sind viel
zu winzig für die Monsterfische Guyanas.
Schließlich verabschieden wir uns und beginnen unsere Flußexpedition.
Zunächst ist der Kuyuwini mit etwa 40 Metern Breite gut überschaubar.
Aber bald verengt sich sein Lauf und wir gleiten durch teilweise überschwemmte
Sümpfe voller stachliger Palmen. Oft sind die Durchfahrten so eng, daß
unsere Boote nur knapp hindurchpassen. Ständig fürchten wir eine Berührung
mit den langen, spitzen Palmdornen, die sicher unsere Bootshaut durchlöchern
würden. Doch alles geht gut. Immer weiter gleiten wir entlang der Blättervorhänge
voller herabhängender Lianen. Der überschwemmte Wald ist erstaunlich still
und erzeugt eine bedrückende Atmosphäre. Dennoch ist es faszinierend auf
dem engen Flußlauf immer weiter in das wuchernde Grün vorzudringen.
Gegen 16 Uhr erreichen wir einen Lagerplatz, der uns geeignet erscheint.
Doch Regis rät zur Weiterfahrt. Ein dicker morscher Ast hängt über dem
ausgewählten Camp. Der Rat des Indianers ist wohlbegründet. Schließlich
wurde er bereits einmal während des Schlafes in einem Lager von den Ästen
eines umstürzenden Baumes begraben und kam nur knapp mit dem Leben davon!
Etwas später finden wir einen anderen Platz und schlagen unsere Zelte
auf dem erhöhten Ufer im Schatten des Hochwaldes auf.
Zum Frühstück backt Markus leckere Fladenbrote im Feuer, die wir mit mitgebrachter
Marmelade und Honig bestreichen. Das Vogelleben am Kuyuwini erweist sich
als reich. Immer wieder beobachten wir verschiedene Eisvögel, Tukane und
Aras. Manchmal hängen Kolonien von an meterlangen Halmen aufgehängten
Nestern überm Wasser. Die Behausungen der schwarz-gelben Stirnvögel erinnern
an die Weber Afrikas.
Am Nachmittag treffen wir zwei Wai-Wai, die gerade einen Trupp Klammeraffen
erfolglos angepirscht hatten. Obwohl wir am Kuyuwini wiederholt die Reste
alter Lager sehen, sollten die beiden Indianer die letzten Menschen bleiben,
die wir auf unserer Flußexpedition trafen.
Über unserem Lagerfeuer geht ein riesiger Dreiviertelmond auf. Glühwürmchen
stürzen sich in die Flammen, zwei Frösche liefern sich ein Gesangsduell
und große, Fische fangende Fledermäuse fliegen lautlos im Zick-Zack über
das Wasser.
Nach drei Tagen passieren wir zwar noch manchmal enge Passagen, haben
die Sümpfe aber hinter uns gelassen. Trotz des guten Wasserstandes, hat
der Fluß wenig Strömung und wir müssen uns ganz schön anstrengen um mit
unseren Luftbooten 20 Kilometer am Tag zurückzulegen. Über Nacht legt
Regis meist mit kleinen Fischen beköderte Leinen aus, mit denen wir verschiedene
Welsarten oder den Raubfisch Aymara fangen. Der Indianer sieht fast immer
die Tiere als erster. Ohne seine scharfen Augen würden wir sicher nur
die Hälfte beobachten. So macht er uns auch auf einen Tapir aufmerksam,
der vor uns den Fluß überquert. Zunächst glauben wir, das größte Landsäugetier
Südamerikas mit unseren Booten erreichen zu können um ein gutes Bild zu
erhalten. Dann erweist sich der vielleicht fünf Zentner schwere Koloss
jedoch schneller als erwartet.
Einfache Gravuren in den Uferfelsen weisen darauf hin, daß hier früher
Indianer lebten. Der Tarumastamm, der hier siedelte, wurde in den 20er
Jahren von einer Grippewelle nahezu ausgelöscht, wie das bei vielen Indianervölkern
Amazoniens der Fall war, die keine Abwehrkräfte gegen die von den Weißen
eingeschleppten Krankheiten hatten. Die wenigen Überlebenden schlossen
sich den Wapisiana und Wai-Wai an. Heute kann man die übrig gebliebenen
Indianer, die Taruma sprechen, an einer Hand aufzählen.
Obwohl wir auf dem Höhepunkt der Trockenzeit unterwegs sind, regnet es
fast jeden Tag. Auch hier Anzeichen eines veränderten Klimas? Allerdings
macht uns der Regen wenig aus, da wir nach den Schauern rasch wieder trocknen.
Der Hochwald über den Steilufern wird nie überschwemmt und ist weniger
dicht. Wir haben keine Probleme auf etlichen Erkundungsstreifzügen einen
Weg durch ihn hindurchzubahnen. Allerdings ist es äußerst wichtig den
Rückweg sorgfältig mit der Machete zu markieren, da man sich leicht im
Dschungel verläuft, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Vor einigen Jahren
verirrte ich mich im Regenwald des afrikanischen Kongogebietes und benötigte
eine Woche, bis ich aus dem Urwald herausgefunden hatte! Für unsere an
europäische Landschaften gewöhnten Augen gibt es nur wenig auffällige
Geländepunkte und die Sichtweite beträgt selten mehr als 10-20 Meter.
Regis zeigt uns die Pfade und Höhlen der Gürteltiere, weist auf Heilpflanzen
hin oder verrät wo ein wütender Jaguar die Rinde eines dünnen Baumes mit
seinen Krallen zerfetzt hat. Bei einem anderen Streifzug können Markus
und ich einen Klammeraffentrupp aus der Nähe bewundern. Die verängstigten
Affen schleudern sogar Äste aus der Krone herab, um uns Eindringlinge
aus ihrem Reich zu verscheuchen. Einmal trete ich fast auf eine dünne,
grüne Schlange im Laub. Die meisten der Reptilien hier sind ungiftig,
trotzdem habe ich erst einmal einen ganz schönen Schreck! Ähnlich ergeht
es Martin, der beim Wasser holen in der Dunkelheit auf eine große, braune
Vogelspinne trifft.

Vogelspinne
Als wir einen Löffel zum Größenvergleich
für ein Foto neben sie legen, attackiert sie mit einem wilden Sprung und
streift dabei das Bein von Markus. Regis erzählt, daß man an ihrem Biss
sterben kann!
Auch die Begegnungen am Fluß bleiben interessant. So sehen wir meterlange
Zitteraale, die mächtige Stromstöße aussenden können. Kleine Kaimane liegen
meist unter den Vorhängen des Ufergebüsches. Unsere erste Anakonda sehen
wir zusammengerollt in der Sonne auf der Uferböschung liegen. Der Körper
der gut oberschenkeldicken Schlange ist durch seine grün-braune Fleckung
nur verschwommen auszumachen. Als wir uns ihr vom Land bis auf wenige
Meter nähern, entrollt sie sich in einer blitzschnellen Bewegung und gleitet
mit erstaunlicher Geschwindigkeit ins Wasser.
Ein anderes Mal hören wir laute rasselnde Geräusche. Regis erkennt sie
gleich als "Riverdogs". Kurz darauf schwimmt die Armada aus 5 Riesenottern
rasch auf uns zu, taucht immer wieder ab und verschwindet schließlich.
Diese größte Otterart kann zwei Meter Länge erreichen und ähnelt mit ihren
scharfen Reißzähnen mehr einem Wolf als einem possierlichen Marderverwandten.
Durch rücksichtslose Pelzjagd sind die Riesenotter in großen Teilen ihres
Verbreitungsgebietes bereits ausgestorben. Doch hier in Guyana sehen wir
fast täglich Gruppen von ihnen.

Neugierige Riesenotter
Bei einer abendlichen Bootstour,
die Markus kurz vor Sonnenuntergang unternimmt, hat er das große Glück
zwei Jaguare in den Uferbäumen klettern zu sehen.
Die einzigen Stromschnellen des Kuyuwini sind bei dem hohen Wasserstand
verschwunden, daher freuen wir uns, als wir nach neun Tagen den Essequibo
erreichen. Wir wissen von Dr. Berrangé, daß dieser Fluß mit zahlreichen
Stromschnellen und Wasserfällen gespickt ist.
Doch die ersten beiden Tage strömt er träge in seinem breiten Bett dahin.
Dann ändert sich die Landschaft dramatisch: Dunkle Felsen sind überall
zu sehen, einige Hügel tauchen auf und oftmals teilt sich der Fluß um
ein Gewirr von Inseln in zahlreiche Arme. Große rote Pacu-Fische schwimmen
im klaren Wasser, kleine Kaimane sonnen sich auf den Felsinseln und beachten
uns kaum. Manchmal springt ein Capybara ins Wasser, das mit 50 kg schwerste
Nagetier der Welt. Die Gegend wird so gut wie nie von Menschen besucht,
auch nicht von Indianern. Regis glaubt, daß daher die wilden Tiere kaum
Angst vor uns haben. Da er einen nächtlichen Jaguarüberfall fürchtet,
zieht er es vor im Zelt, statt in seiner Hängematte zu übernachten. Zwar
besucht uns keine Raubkatze, aber ein Riesengürteltier läuft nachts geräuschvoll
durch das Camp, wie die Spuren am anderen Morgen beweisen.
So ganz wohl ist uns auch nie beim baden, denn wir wissen, daß Piranhas
allgegenwärtig sind. Kaum ist ein Angelhaken im Wasser verschwunden, hängt
auch schon einer der Raubfische mit den rasiermesserscharfen Zähnen an
der Leine. Ihre Gier ist so groß, daß selbst wenn sie gerade einen Haken
verschluckt haben und freigekommen sind, sie sofort wieder anbeißen. Trotzdem
bleibt es dabei, wir essen sie und nicht umgekehrt! Allerdings stecken
die Piranhas voller Gräten und sind daher nicht gerade unser liebster
Speisefisch.
Auch die Kaimane sind oft in der Nähe. Bei einer Gelegenheit schaut ein
zwei Meter langer Bursche Markus beim waschen aus fünf Meter Entfernung
zu! Nachts können wir manchmal ihre roten Augen im Taschenlampenlicht
erkennen.
Lautes Rauschen kündigt die ersten Stromschnellen an. Auf ganzer Breite
überwindet der Fluß eine etwa 2,5 Meter hohe Schwelle. Natürlich legen
wir vorher am Ufer an und erkunden die beste Durchfahrt. Schließlich finden
wir eine Art Wasserrutsche über die wir problemlos zwischen den Felsen
hindurchschießen.

Regis und Gerald
in einer Stromschnelle
Die hohen Wellen lassen kaum
einen trockenen Faden an uns. Allerdings sind uns solche gelegentlichen
Abkühlungen bei den hohen Temperaturen sehr willkommen. An den Hauptfall
schließen sich über einige Kilometer weitere, kleinere Stromschnellen
an, bevor wir wieder längere Zeit durch ein ruhigeres Stück gleiten. Diese
Kombination aus mehr oder weniger hohen Fällen mit kleineren Stromschnellen,
auf die ruhige Abschnitte folgen, wiederholt sich häufig am Essequibo.
Zwar fahren wir auch mal ein Stück unfreiwíllig rückwärts, sind ansonsten
aber zufrieden mit dem Verhalten unserer schwer beladenen Boote im Wildwasser.
Die Beurteilung der Strömungsverhältnisse, auf die die Festlegung der
Fahrroute folgt, ist ebenso wichtig wie Kraft und Geschicklichkeit beim
Umgang mit dem Paddel.
Während wir vorher meist auf den hohen Uferböschungen im dichten Wald
campierten, bieten sich nun oft herrliche Lagerplätze auf offenen, kleinen
Inseln. Gelbe Sandstrände vor der Kulisse weiß schäumender Wasserfälle
verleihen regelrechte Urlaubsatmosphäre.

Traumhafter Lagerplatz
Wir nutzen die Gelegenheiten
um öfter mal einen Ruhetag einzuschieben. Die Nähe der Stromschnellen
bietet einerseits interessante Wildwassertrainingsmöglichkeiten, mit dem
leer nur 13kg schwerem Boot. Daneben bieten sich manchmal schmale Kanäle
an, um das Insellgewirr per Boot zu erkunden. Das Rauschen der Fälle kan
man oft kilometerweit hören, wodurch die Orientierung bei ausgedehnten
Waldexkursionen erleichtert wird. Kleine, oft nur 20 Meter breite Kanäle
durch das Inselgewirr bieten sich für Erkundungen im Boot an.
Zwar beobachte ich bei den Ausflügen in das Innere des Waldes, die ich
meist allein unternehme auch große Tiere wie Brüllaffen und Pekaris. Wesentlich
häufiger sind jedoch Begegnungen mit kleinen Lebewesen, wie zum Beispiel
stahlblau gefärbten Schlupfwespen, die über ihren langen Legestachel Eier
in Maden versenken, die in einem vermoderndem Baum leben.

Raupe
Zwar durchbrechen nur selten
die Farbtupfer von Orchideen- oder Lianenblüten das Blättergewirr aber
die tausende von unterschiedlichen Grüntönen und Blattformen lassen den
Wald keineswegs langweilig erscheinen.
Langsam wird unsere Kost eintöniger, da Frisches wie Knoblauch und Zwiebeln,
aber auch Wurst und Marmelade bereits verspeist sind. Trotzdem läßt Markus
es sich nicht nehmen, mich an meinem Geburtstag mit über dem Feuer gebackenem
Kuchen zu überraschen!
Die Abende am Lagerfeuer mit Regis sind stets ein Erlebnis, egal ob er
von Bush Dai-Dai erzählt, dem einäugigen Riesen der tief im Wald lebt
und nach Menschenfleisch lechzt oder von noch immer unter den Indianern
praktizierter schwarzer Magie. Natürlich erhalten wir auch viele Informationen
über Guyana, insbesondere die Situation der Indianer. Jeden Abend singt
er ein Lied für uns, mal auf englisch, mal auf Wapisiana. Regis komponiert
sogar einen Song über unsere Reise.
Einige Male sehen wir truthahngroße Hokkos, fette, schwarze Hühnervögel
die wir vielleicht mit einem Pfeil erlegen könnten. Allerdings belassen
wir es dabei, nur mit der Kamera zu schießen. Als wir nachts unmittelbar
am Ufer sitzen, kommt der Bogen aber doch noch zum Einsatz: Regis hat
einen Aymara gesehen und es gelingt ihm, den Fisch zu schießen. Kurz darauf,
als er wieder bei uns sitzt, nimmt er eine Bewegung im Wasser wahr. Er
leuchtet mit der Taschenlampe und feuert fast im selben Augenblick seinen
Pfeil ab. Der halbmeterlange Aymara flüchtet unter unser Boot, Regis gelingt
es, ihn am Pfeil festzuhalten und tötet ihn dann mit seiner Machete.
Weniger beeindruckt zeigt sich unsere dritte Anakonda die sich am Ufer
sonnt. Wir möchten sie gerne auch in Bewegung fotografieren und werfen
daher mit kleinen Stöckern nach ihr. Sogar als Markus sie mit dicken Prügeln
trifft, reagiert sie in keiner Weise. Wahrscheinlich denkt die Schlange:
"Schon wieder so ein dämlicher Ast den der Wind vom Baum schmeißt".

Anakonda-die mächtigste
Riesenschlange der Welt
Schließlich geben wir auf und
setzen die Fahrt fort.
Bisher konnten wir fast alles mit unseren Booten fahren. Nur zweimal mußten
die Boote an einer Leine durch eine Stromschnelle dirigieren, deren Befahrung
uns zu gewagt erschien. Schließlich können wir es uns nicht erlauben,
in dieser Wildnis Ausrüstung oder gar ein Boot zu verlieren.
Schomburgk Falls, über die das Wasser 6 Meter tief tost, möchten wir natürlich
nicht unbedingt befahren! Aus der Beschreibung von Dr. Berrangé wissen
wir, daß man den Hauptfall über einen schmalen Kanal auf der linken Seite
umfahren kann. Wir finden diesen Flußarm und müssen dann nur noch ein
kurzes Stück treideln um zum Fuß des Wassserfalls zu gelangen.
Die Landschaft wird immer schöner, voller Dschungelberge, Sandinseln und
schwarzer Felsen. Einige Tage später erreichen wir Sawkins Falls. Regis
und ich fahren als erste. Eine Rutsche führt durch hohe Wellen, bereitet
uns aber weiter keine Probleme. Dann kommt das zweite Boot mit Martin
und Markus.

Markus vor den King
George V Fällen
Ich verfolge ihre Fahrt im
Sucher der Kamera um eine schöne Serie zu fotografieren. Die Beiden treffen
die Durchfahrt etwas zu weit links und werden von einer mächtigen Querwelle
getroffen, die das Boot in einem Sekundenbruchteil auf den Kopf stellt.
Martin gerät unter das Kanu und verliert dabei seine Brille. Glücklicherweise
gelingt es den Beiden sich am Boot festzuhalten und sich rasch wieder
nach oben zu schwingen.
Der Großteil der Ausrüstung steckt kentersicher im Mittelschlauch, aber
auch die auf Deck festgebundenen Säcke blieben an ihrem Platz. Martin
hat leider keine Ersatzbrille dabei, daher ist das Versinken seiner Augengläser
ein ziemliches Handicap, daß er aber mit Humor trägt. Von nun an ist unser
Fotograf halbblind, schießt aber noch erstaunlich gute Bilder!
Kurz danach stehen wir vor dem nächsten Abschnitt der Sawkins Falls. Der
Hauptstrom in einer scharfen Rechtskurve ist felsengespickt und absolut
unbefahrbar. Ein etwas kleinerer Arm daneben verschwindet unter einem
höhlenartigen Überhang. Der weitere Verlauf ist nicht einsehbar, daher
würde nur ein Lebensmüder in diesen Kanal einfahren. Wir probieren am
äußerst rechten Rand einer Insel unser Glück, müssen aber wieder feststellen,
daß es für uns hier kein Durchkommen gibt. Selbst das Boot an einer Leine
über die Stufe zu treideln ist an dem steilen Ufer nicht möglich. Dann
entdecken wir das Felsbrocken gefüllte Bett eines schmalen Kanals, durch
den nur nach starken Regenfällen Wasser fließt. Da hier lediglich eine
kurze Strecke in relativ offenem Terrain umzutragen ist, lassen wir die
Boote aufgepumpt. Allerdings transportieren wir jeden der drei durch Reißverschlüsse
verbundenen Schläuche einzeln, entnehmen jedoch nicht das Gepäck aus dem
Mittelschlauch.
Nach einer Stunde haben wir das Hindernis umgangen und stehen vor der
letzten Stufe der Fälle. Am linken Rand erscheint die Durchfahrt möglich.
Nach einer scharfen Kurve muß eine schmale Rutsche zwischen bemoosten
Felsplatten getroffen werden. Danach bietet ein kleines Kehrwasser ohne
Strömung eine Atempause, bevor es durch eine weitere Durchfahrt in die
Hauptströmung mit ihren hohen Wellen geht. Das erste Boot kommt ohne Probleme
durch, doch Markus und Martin verfehlen die Rutsche und bleiben auf einer
Felsplatte hängen. Die Strömung hebt das Boot an und Martin der vorne
sitzt, stürzt aus seiner knieenden Position in das Wasser. Sofort kommt
das leichter gewordene Boot frei, aber nur wenige Meter bleiben bis zur
nächsten Schwelle. Trotz der kurzen Distanz gelingt es Martin sich vorher
wieder auf das Boot zu schwingen. Ich befürchte schon die nächste Kenterung,
da den Beiden nach diesem Kletterkunststück nicht genug Zeit bleibt, die
Durchfahrt zu treffen. Doch diesmal haben sie Glück und rutschen über
die knapp überspülte Steinplatte ohne erneut hängenzubleiben. Auch die
Sandale die Martin bei der Kenterung verloren hatte, kommt angeschwommen
und wir können die Fahrt fortsetzen. Die Erlebnisse des heutigen Tages
werden Markus wohl unvergessen bleiben, denn er hat Geburtstag!
Dumpfes Grollen, tiefer und lauter als alles was wir bisher vom Essequibo
gehört haben, kündigt den King George V Wasserfall an. Im Gegensatz zu
den Fällen die wir bereits kennengelernt haben, teilt sich der Fluß hier
nicht in viele Arme, sondern stürzt nur von einer kleinen Felsinsel an
der Kante unterbrochen, zwölf Meter in die Tiefe. Vorsichtig nähern wir
uns dem Abgrund am linken Rand, haben dann aber kein Problem unsere Boote
und die Ausrüstung über die nur bei Hochwasser überspülten Felsen zu tragen.
Ein herrlicher Sandstrand in einer Bucht direkt unterhalb entschädigt
uns für die Mühen. Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen, hier einen
Rasttag einzulegen, bevor wir die Fahrt fortsetzen.

Vor der Kenterung
Hinter dem Wasserfall folgen
weitere Stromschnellen und der Fluß fließt zwischen dunkle Felsen eingezwängt
über eine längere Strecke rasch dahin. Doch vor den Manarowafällen verliert
er im Gewirr zahlreicher Inseln wieder an Fahrt.
Wir wissen, daß sich diese Fälle in einigen unübersichtlichen Kaskaden
über mehr als einen Kilometer erstrecken, daher ist ein längeres Umtragen
unvermeidlich. Nachdem wir oberhalb der ersten Stufe an Land gegangen
sind, brechen Regis und ich auf, um die Portageroute zu suchen, die Dr.
Berrangé bei seiner Fahrt auf dem Essequibo Anfang der 70er Jahre vorgefunden
hatte. Tatsächlich stoßen wir schon bald auf eine zum Teil zugewachsene,
aber noch immer gut sichtbare Schneise. Sie war von Kautschuksammlern
angelegt worden, die bei Hochwasser von der Siedlung Apoteri flußaufwärts
fuhren, um das begehrte Harz des Balata-Baumes zu sammeln. Bis Ende der
70er Jahre war es eines der wichtigsten Exportgüter Guyanas und wurde
unter anderem zur Ummantelung von Kabeln verwendet.
Leider führt uns der Pfad nur zu einem Platz oberhalb einer anderen Kaskade,
wo wir das Nachtlager aufschlagen wollen. Wir müssen den halbstündigen
Weg zweimal zurücklegen um unser ganzes Gepäck in den Rucksäcken hierher
zu befördern. Diesmal verpacken wir auch die Boote. Wir benötigen längere
Zeit um am nächsten Tag die weitere Umtragungsroute zu erkunden und einen
Weg auszulichten. Von der alten Schneise entdecken wir nur noch ein kurzes
Stück.
Gegen Mittag haben wir dann die Umtragung der Fälle beendet. Wir brechen
zu einem Landausflug auf, da wir in dem dichten Wald bisher noch nicht
viel von den Manarowafällen gesehen haben. Über schwarze Gesteinsblöcke
marschieren wir in der Schlucht des Essequibo aufwärts. In das tosende
Wildwasser ergießen sich von der rechten Seite immer wieder hohe Kaskaden
über saftig grün bewachsene Felsen. Schließlich erklettern wir einen hohen
Uferfelsen und genießen den wohl schönsten Anblick am Essequibo: Den etwa
20 Meter hohen Hauptfall der Manarowafälle, der zwar nicht die beängstigende
Wucht des King George Falles aufweist, dafür aber ein malerisches Panorama
aus blauem Himmel, weißem Wasser und üppiger Vegetation bildet.

Manarowafall
Zwar bildet Grün den Hauptton,
aber auch blau blühende Jacarandasträucher und rot-orange Blumen wachsen
auf den Felsen in der sprühenden Gischt. Am nächsten Tag erreichen wir
den letzten großen Wasserfall, King William IV. Er wurde 1849 von Wilhelm
Schomburgk benannt, einem Deutschen der im Auftrag der englischen Krone
die Kolonie erforschte. Seine Reise den Essequibo aufwärts endete an diesem
Hindernis. Erst 1875 gelang es Barrington-Brown den Essequibo in ganzer
Länge aufwärts zu befahren.
Wir stoßen auf eine gut sichtbare Portage und haben daher kein Problem
den Fall zu umgehen.
Zurück am Fluß stoßen wir auf einen wunderschönen Lagerplatz an einer
Stelle wo ein kleiner, klarer Bach einmündet. Ein großer Zitteraal und
ein bunter kleiner Eisvogel nutzen diesen Platz um auf Fischjagd zu gehen.
Als ich bei einem Streifzug
durch die Urwaldberge still an einem Baum gelehnt sitze, höre ich leise
trappelnde Geräusche. Kurz darauf ziehen 13 Pekaris, das sind kleine Wildschweine,
im Gänsemarsch an mir vorbei.
Bei der Weiterfahrt müssen wir noch einmal einige Stromschnellen bewältigen,
dann ändert sich die Landschaft: Die Hügel weichen zurück und der Fluß
strömt in seinem breiten Bett langsam dahin. Während wir vorher nur maximal
2 Meter lange Reptilien gesehen haben, tauchen nun häufig Schwarze Kaimane
auf, für die die Wasserfälle offenbar unüberwindliche Barrieren darstellen.
Diese größten Reptilien Südamerikas können 6 Meter Länge erreichen und
sind wegen ihrer begehrten Häute in großen Teilen ihres Verbreitungsgebietes
bereits ausgestorben. In Guyana sind sie noch recht häufig, aber scheu.
Wenn sie uns bemerken, stürzen sie sich gleich ins Wasser, auch wenn wir
noch weit entfernt sind.
Als wir bei einer kleinen Insel Sand im hohen Bogen durch die Luft fliegen
sehen, denken wir zuerst auch an Kaimane. Doch als wir langsam näher gleiten,
stellen wir fest, daß zwei große Arranschildkröten dabei sind Kuhlen zur
Eiablage zu graben. Eine bemerkt uns und stürzt mit einer Geschwindigkeit
ins Wasser, die man dem plump aussehendem Tier kaum zutraut. Ein Truthahngeier
verschwindet ebenfalls. Er hatte nur wenige Meter von den Schildkröten
entfernt, auf eine Gelegenheit gewartet, die Eier zu stiebitzen. Doch
die andere Schildkröte können wir in aller Ruhe aus der Nähe betrachten.
Sie ist ungefähr einen Meter lang und sicher 30 kg schwer. Bei den Indianern
und anderen Bewohnern Amazoniens sind sowohl ihr Fleisch als auch die
dünnen, kleinen Eier sehr begehrt. Daher sind auch sie vom Aussterben
bedroht.
Auf einer unserer Karten sind auf diesem Abschnitt des Flusses zwei Siedlungen
eingezeichnet. Uns begegnet ein Indianer in seinem Kanu aber erst unmittelbar
vor Apoteri. Wir erfahren, daß die Dörfer in der Karte schon vor sehr
langer Zeit aufgegeben wurden. Apoteri an der Einmündung des Rupununi
war einst ein wichtiges Zentrum der Balata-Industrie. Doch heute leben
die hier wohnenden Macushi und Wapisana ausschließlich von den Erträgen
ihrer Felder, Jagd und Fischerei.
Nach über 500 Kilometern und 29 Tagen, wovon wir 23 gepaddelt sind, ist
unsere Reise auf Kuyuwini und Essequibo beendet.
Der Empfang ist freundlich aber zurückhaltend. Ein junger Mann spricht
uns an und wir erfahren, daß er als Kind seinen halben Arm durch einen
Kaiman verloren hat. Wir werden in einem Gebäude der Balata-Firma, das
jetzt als Gästehaus dient einquartiert, und verbringen den Nachmittag
damit, die Boote zu entladen und unsere Ausrüstung zu verpacken.
Doch als wir im Licht des Vollmonds in die Siedlung gehen, naht der Höhepunkt
des Tages! An vielen Hütten wird uns Parikari angeboten, ein alkoholisches
Getränk auf Maniokbasis, dessen Konsistenz, Stärke und Geschmack stark
schwankt. Das tuen auch wir, nachdem wir unsere Geburtstagsparties ausgiebig
nachgefeiert haben!

In Apoteri
Zwar hatten die Indianer hier
schon häufig Gäste, aber wir sind offenbar die ersten, die Parikari trinken.
Vielleicht wußten die anderen ja, daß Speichel eine wichtige Zutat bei
der Herstellung darstellt!
Am nächsten Tag fahren wir mit einem gemieteten Motorboot den Rupunni
aufwärts. Regis hatte uns von seiner guten Bekannten Dianne Mc Turk erzählt,
die auf ihrer Ranch Karanambo seit 20 Jahren verwaiste Riesenotter aufzieht,
und Ökotourismus betreibt. Wir hatten uns mit ihr über Funk von Apoteri
aus unterhalten und sie hatte uns eingeladen, sie zu besuchen.
Bei Annai werden wir von einem Geländewagen abgeholt und erreichen die
Ranch spät abends. Mrs. Mc Turk ist eine eindrucksvolle Lady, die uns
interessante Geschichten aus ihrem Leben erzählt. Der Großteil ihrer Kunden
sind Vogelbeobachter, die hier in den Altwässern und Lagunen des Rupuni
ein reiches Betätigungsfeld vorfinden. Auch wir erkunden am nächsten Tag
mit einem Indianer vom Boot aus die Landschaft des Savannenflusses. Wir
sehen unzählige Kaimane, blühende Amazonas Lilien, deren runde Blätter
einen Meter Durchmesser haben, Riesenstörche, zahlreiche Eisvogel- und
Reiherarten, sowie viele andere Vögel. Die meisten Arten kennen wir schon
aus dem Regenwald, aber in diesem Vogelparadies ist die Fülle an Individuen
noch beeindruckender. Höhepunkt des Tages ist ein Habicht, der am Ufer
einer nur 30 Zentimeter langen aber hochgiftigen schwarz-rot-gelb gefärbten
Korallenschlange gegenübersteht, sich aber offensichtlich nicht traut
sie anzugreifen und bei unserem näherkommen verschwindet.
Der Wagen von Dianne bringt uns nach Lethem, das wir ja schon kennen.
Wir wollen auf der Piste zurück nach Georgetown und finden auch einen
Schwarzen, der dorthin fahren will. Später treffen wir dann aber einen
Macushi, der uns vor unserem Chauffeur warnt. Dieser würde Drogengeschäfte
machen und auch wir könnten Probleme kriegen, wenn bei einer Kontrolle
etwas bei ihm gefunden wird. Wir beherzigen den Ratschlag und nehmen ein
Flugzeug, da kein anderes Auto die Strecke fährt.
Noch einmal beeindruckt uns der unendliche grüne Teppich der Regenwälder
Guyanas. Wie wir erlebt haben, gibt es in diesem Land noch viel unberührte
Natur. Doch schon haben große Holz-und Bergbaufirmen mit der Ausbeutung
der natürlichen Reichtümer begonnen. Wir befürchten, wenn es nicht jetzt
gelingt große Schutzgebiete auszuweisen, wird es in einigen Jahren vielleicht
zu spät sein. Eine der letzten grandiosen Tropenwaldwildnisse würde dann
unwiederbringlich verschwunden sein.
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