Borneo

Mit Penan-Nomaden durch den Urwald des Mulu Nationalparks

Am 10. September 1999 begann unsere Reise in den Regenwald Borneos. Die Fläche dieser nach Grönland und Neuguinea, drittgrößten Insel der Welt ist auf drei verschiedene Nationen aufgeteilt: Brunei ist ein kleines, aber ölreiches Sultanat an der Westküste. Sarawak und Sabah, ebenfalls im Westteil der Insel gelegen, sind Teilstaaten Malaysias. Kalimantan schließlich verfügt über 2/3 der Fläche und gehört zu Indonesien. Von Miri, einer zu Sarawak gehörenden Ölstadt an der Westküste, flogen wir in einer halben Stunde mit einer 19-sitzigen Propellermaschine zum Gunung Mulu Nationalpark. Unter uns lagen zunächst nur die weiten Flächen der von den Holzkonzernen geplünderten Wälder, die von einem Spinnennetz aus roten Pisten durchzogen wurden. Zwar stehen hier noch Bäume, aber der Gesamteindruck ist mehr der, eines offenen Parks. Für kurze Zeit ging es dann über das Kronendach eines unberührten Waldes. Das war nicht etwa schon der Nationalpark, sondern ein Teil Bruneis. Das reiche Sultanat schützt seine Wälder bisher noch vor Ausbeutung. Ziemlich unvermittelt stiegen dann die schroffen Berge Mulus mit ihren weißen Kalkfelsen auf.


Die Pinnacles-Kalksteinformationen im Gunung Mulu Nationalpark

Hier besuchten wir einige der beeindruckendsten Höhlen der Welt, Heimat zahlloser Fledermäuse, die in der Abenddämmerung zu Millionen ihr Tagesquartier in der Deer Cave verlassen. Die Ranger des Nationalparks, denen wir von unserem Plan der Durchquerung des Gebietes erzählten, empfahlen uns Penan-Führer anzuheuern. Zwar sind einige Teile des 550 qkm großen Reservats mit Wanderwegen für Touristen erschlossen. Daneben gibt es aber auch Teile des unwegsamen Gebiets, die nicht einmal den Wildhütern bekannt sind. In Batu Bungan, einer kleinen Siedlung, in der jetzt seßhafte Penan leben, trafen wir Ipa. Er durchstreift noch immer als Nomade die Wäldern der Mulu Berge. Daher kennt er das Gebiet hervorragend und wir hatten Glück ihn als Führer engagieren zu können. Nachdem uns ein Boot mit Außenbordmotor zum kaum erkennbaren Beginn eines Pfades gebracht hatte, begann am nächsten Tag unser Marsch nach Long Seridan. Steile Hänge von zahllosen Schluchten durchfurcht wechselten mit schmalen Hügelkämmen ab. Oft ging es an schwindelerregenden Abgründen vorbei. Der aufgeweichte, lehmige Boden bewirkte etliche Stürze, wenn wir bergab gingen. Sobald einer von uns den Kontakt zum Vordermann verloren hatte, dauerte es nicht lange, bis derjenige den Pfad verlor und in der dichten Vegetation umherirrte, bis Ipa ihn wieder auf den richtigen Weg führte.


Auf dem Penanpfad

Nach einem langen, anstrengendem Tag erreichten wir ein Lager der Penan, in dem wir gastfreundlich aufgenommen wurden.


Lager der Penan

Diese Gruppe lebte noch ständig im Wald und ernährt sich hauptsächlich vom Mark der Sagopalmen und der Jagd mit dem Blasrohr, wobei Bartschweine die Hauptbeute darstellen. Neben Ipa begleitete uns ab hier Miri, ein weiterer junger Penan. Der Urwald mit seiner Schönheit und schieren Undurchdringlichkeit vermittelte uns das Gefühl in einer echten Wildnis zu sein. Aber mitunter sahen wir von einem Hügelkamm aus die roten Narben der Holzpisten in den gegenüberliegenden Hängen. Uns wurde bewußt, daß der Nationalpark inzwischen nur eine kleine Insel in einem Meer aus von den Holzfirmen verwüstetem Wald darstellt.. Wir hatten damit gerechnet etwa 10 Kilometer Luftlinie am Tag zurücklegen zu können. Tatsächlich hatten wir große Mühe lediglich 5 zu schaffen, wie unser GPS zeigte! Während einer Rast verfehlte Ipa einen kleinen Vogel, zeigte uns dann aber beim Zielschießen auf ein Blatt, daß er mit seinem Blasrohr umgehen kann. An einem kleinen Fluß fing er in einer Viertelstunde ohne Mühe mehr als 10 Fische mit seinem Wurfnetz. Eine willkommene Abwechslung für unseren Speiseplan ! Schließlich erreichten wir Long Maraan, eine andere Penansiedlung, die erst seit fünf Jahren besteht. Das Gebiet dieser Gemeinschaft war vollständig von den Holzfirmen ausgeplündert worden. Sagopalmen und Fruchtbäume sind verschwunden, und es gibt kaum noch Wild. Die Menschen, denen noch bis vor kurzem der Wald alles gab, waren gezwungen seßhaft zu werden und versuchen seitdem mit dem Anbau von Reis zu überleben. Dabei sehnen sie sich zurück nach ihrem alten Leben. In Sarawak leben nur noch etwa 250 Penan als Nomaden im Regenwald. Ihr Lebensraum wird durch die Holzkonzerne immer weiter beschnitten.


Penankind

So erfahren wir auch, daß in dem Gebiet zwischen Long Seridan und Bario, in dem es vor zwei Jahren noch einen großen geschlossenen Primärwaldblock gab, inzwischen neue Holzfällerstraßen gebaut wurden. Die Penan benutzen ihre alten Pfade nicht mehr, daher blieb uns keine andere Wahl, als eine längere Strecke in einem Geländewagen zurückzulegen.

In das Hochland der Kelabit und Krayan

Die weiten Bergwälder, durch die die Pisten führten, erschienen völlig unbewohnt. Nach einigen Stunden kamen wir an eine Stelle, an der ein Bergrutsch die Straße verschüttet hatte. Die Holzfäller hatten diese Gegend schon verlassen, daher wurde die Piste nicht mehr unterhalten. Zuvor hatten wir schon mehrere andere halb blockierte Stellen passiert, aber hier ging es definitiv nicht mehr weiter. Glücklicherweise war es nicht mehr weit bis zu einem Pfad, den Martin von seinem letzten Besuch in dieser Gegend kannte. Wir folgten dem Kuban River entlang von schönen Waserfällen immer weiter aufwärts.


Schließlich gingen wir sogar über längere Strecken im Bett des jetzt schmalen Baches weiter. Als nachmittags starker Regen einsetzte, fanden wir Unterschlupf in einer Hütte auf der anderen Seite des Flusses. Es regnete die ganze Nacht und am nächsten Morgen wäre es unmöglich gewesen den angeschwollenen, tosenden Fluß zu überqueren. Der Abstieg war weniger lang und plötzlich traten wir aus dem Dämmerlicht des Waldes heraus. Grüne Weiden auf denen Wasserbüffel grasten, wechselten mit üppigen gefluteten Reisfeldern ab. Bald kamen wir an einigen Langhaussiedlungen vorbei und hatten schließlich Bario, das Zentrum des Kelabit-Plateaus erreicht. Dieses fruchtbare Land ist auf allen Seiten von hohen Bergen umgeben und liegt auf durchschnittlich 1200 Meter Höhe. Bis zum zweiten Weltkrieg hatten erst wenige Weiße das isolierte Gebiet besucht. Doch heute geht ein täglicher Flug von Miri hier her und macht das Hochland zu einem interessanten Trekkingziel, daß bislang aber noch keineswegs überlaufen ist. Wir hatten Glück. Im einzigen Hotel des Ortes trafen wir Lian Tarrawe, einen Kelabit, der zwanzig Jahre u.a. als Manager in der Ölindustrie gearbeitet hatte. Um der Hektik zu entkommen, ging er zurück in seine alte Heimat und begleitet Touristen, in erster Linie um sich fit zu halten. Wir wußten, daß es in Kalimantan schwierig werden würde, einen Führer zu finden, der Englisch spricht. Daher waren wir froh, daß er gewillt war mit uns über die Grenze zu gehen. Wir benutzten einen schmalen Pfad, der recht häufig von Touristen benutzt wird und dicht am Mount Murud, dem höchsten Berg Sarawaks vorbeiführt. Nach einer Übernachtung in Pa Lungan, einer kleinen Kelabitsiedlung,


Pa Lungan

ging es weiter durch Bachtäler mit üppiger Vegetation und wunderschöne Bergwälder. Durch die Höhenlage bedingt, war das Gehen weniger beschwerlich als in Mulu. Außerdem war der Pfad meist gut zu erkennen. Die melodischen Rufe der Gibbons, verschiedene Languren, die wir wiederholt sahen, und einige der seltenen, bei den Holzfällern hoch begehrten Agathisbäume zeigten uns, daß hier das Ökosystem Regenwald noch intakt ist. Schließlich hatten wir das Grenzgebirge zum indonesischen Teil der Insel überquert und erreichten im Schein des Vollmonds Long Bawan, den Hauptort des Krayan-Gebietes. Seine fruchtbaren Täler werden ebenfalls zum Naßreisanbau genutzt. Am nächsten Tag meldeten wir uns bei der Immigrationsbehörde. Zwar dürfen Einheimische hier die Grenze überqueren, Fremden ist dies allerdings nicht gestattet. Weder unsere Visa noch die Empfehlungsschreiben des WWF konnten den Beamten bewegen, uns die Einreiseerlaubnis zu erteilen. Es half nichts, wir mußten zurück nach Ba Kelallan in Sarawak laufen, flogen von dort zur Küste und betraten schließlich nach etlichen Flügen in Tarrakan, an der Küste Kalimantans, erneut indonesischen Boden. Da dies ein offizieller Grenzübergang ist, hatten wir kein Problem mit der Einreise. Mit einem kleinen Propellerflugzeug ging es dann am nächsten Tag zurück nach Long Bawan, wo Lian mit unserem Gepäck wartete. Während wir auf der malaysischen Seite überall die Pisten der Holzgesellschaften sahen, flogen wir nach Long Bawan lange über unberührte Waldwildnis, die von schäumenden Flüssen durchzogen wird. Leider lag dieses Gebiet außerhalb des Kayan Mentarang Nationalparks, der sich entlang der Grenze zu Malaysia über ca. 300 Kilometer erstreckt. Von Long Bawan wanderten wir durch das Gebiet des Nationalparks weiter Richtung Süden. Zunächst lernten wir hier einen Waldtyp kennen, der völlig anders war, als die bisher durchquerten Dschungel. Dünne Bäume mit ledrigen Blättern, die nur wenige Meter Höhe erreichen, bildeten hier dichte Bestände. Diese sogenannten Kerangas wachsen auf extrem nährstoffarmen, weißen Sandböden. Ausgedehnte Waldbrände in den letzten beiden Jahren haben einen Großteil dieser Wälder um Long Bawan vernichtet. Die Kerangas bildeten nur für kurze Zeit die Vegetation entlang unseres Weges. Bald ging es wieder durch hochstämmige Bergwälder, die von zahlrreichen Blutegeln bevölkert wurden. Die Bisse dieser Plagegeister waren weder schmerzhaft noch gefährlich. Trotzdem gingen uns ihrre ständigen Attacken auf die Nerven. Bei jeder Rast sammelten wir etliche der Egel von unseren Beinen. Da ihre Bisse ein Antiblutgerinnungsmittel enthalten, bluten die Wunden noch lange weiter, auch wenn die Egel schon längst losgelassen haben.


Blutegel-allgegenwärtige Plagegeiszter des Dschungels

Nach zwei Tagesmärschen erreichten wir Long Layou. Dort lebt Lians Onkel, Levi Gala, das traditionelle Oberhaupt (Kepala Adat), der oberen Krayan Region. Er vermittelte uns vielfältige Informationen über sein Gebiet. Besonders interessierte uns das Verhältnis der Menschen zum Nationalpark. Wir erfuhren, daß die Festlegung der verschiedenen Zonen in Zusammenarbeit mit den WWF-Mitarbeitern gut funktioniert, obwohl es nach wie vor strittige Fragen gibt. Die Menschen versprechen sich vom Nationalpark vor allem, daß Touristen in die Region kommen und haben auch bereits Ideen dazu entwickelt. Viele der Männer arbeiten zeitweise in Holzfällerlagern auf der anderen Seite der Grenze. Für ihre Region lehnen die meisten eine Erschließung durch die Holzfirmen aber strikt ab. Sie befürchten, daß das Wasser verschmutzt würde, sowie Fisch- und Wildbestände abnehmen würden, die für die Ernährung sehr wichtig sind. Wir erfahren, daß der Weg zum Bahau-Fluß vor sechs Jahren das letzte Mal benutzt wurde! Etwa eine Woche soll man für diese Strecke benötigen. Noch in den 70er Jahren gab es an diesem Pfad einige Siedlungen, die aber heute alle verlassen sind. Ein Mann bot sich als Führer an, aber später erfuhren wir, daß auch er nicht den ganzen Weg kennt. Trotzdem waren wir entschlossen diese Route einzuschlagen. Da trafen wir Anddreas Bato aus Long Banga in Sarawak, der hier Verwandte besuchte. Anddreas hatte bereits als professioneller Guide für Reiseagenturen gearbeitet und schlug uns vor einen anderen Weg zum Bahau zu nehmen. Lian, unser bisheriger Führer, wollte uns ohnehin nicht unbedingt weiter begleiten, daher heuerten wir Anddreas an. Auf einem Pfad, der von Arbeit suchenden Indonesiern benutzt wird, gingen wir zurück über die Grenze nach Sarawak.


Kleiner Regenwaldfluß

Während wir meist wenig Tiere auf dem Marsch mit unseren schweren Rucksäcken sahen, zeigten Spaziergänge in die Umgebung unserer Nachtlager, daß es hier allerhand Wild gab. Große, bunte Fasane huschten durch das Unterholz, und Bartschweine pflügten den Boden auf der Suche nach Früchten. In Long Dano und Ramudu, traditionellen Langhaussiedlungen der Kelabit auf der malaysischen Seite, genossen wir wieder die Gastfreundlichkeit der Dayak. Diese kleinen Dörfer inmitten stiller, grüner Berge können nur zu Fuß erreicht werden. Früher lebten alle Dayak in Langhäusern, die auf Stelzen erbaut wurden, zum Teil über hundert Meter lang waren und zahlreiche Familien beherbergten. Heute leben die meisten Dayak dagegen in Einzelhäusern Das Kelabit Hochland soll als Reservat ausgewiesen werden, erzählte uns Lian. Doch mittlerweile dringen die Holzfirmen immer weiter vor. Einen Teil der Strecke nach Long Banga, nahm uns ein Geländewagen der Holzfäller mit. Wieder durchquerten wir ausgeplünderten Wald, der wahrscheinlich für immer degradiert ist. Hier im Grenzgebiet kämpfen die Penan um ihre Heimat. Einigen Gruppen ist es bisher gelungen, die Holzfäller fernzuhalten, erfuhren wir von Anddreas. Doch der Druck auf diese letzten Waldnomaden geht weiter. In Anddreas Haus in Long Banga erholten wir uns einen Tag, bevor wir erneut nach Kalimantan aufbrachen.

Durch den Mooswald zu den Savannen der Banteng-Büffel

Wir erfuhren, daß ein amerikanischer Tourist, dessen Ziel die Grasländer am oberen Bahau waren, etwa drei Tagesmärsche entfernt einen Unfall hatte. Da er illegal auf indonesisches Gebiet gegangen war, schied eine Bergung per Hubschrauber aus. Deshalb wurde ein Rettungstrupp aus 10 Einheimischen zusammengestellt, die ihn auf einer Trage zurück transportieren sollten.


Der Rettungstrupp

Wir schlossen uns ihnen an, da wir in dieselbe Richtung gehen wollten. Die Überquerung des Grenzgebirges auf einem uralten Pfad, der heute ebenfalls hauptsächlich von Arbeitssuchenden benutzt wird, führte uns in Regionen knapp unterhalb 2000 Meter ü.NN. Die feuchtigkeitsgetränkten Wolken brachten hier einen weiteren Waldtyp hervor, den wir bisher noch nicht kennengelernt hatten. Sämtliche Bäume waren mit dichten Polstern aus Moosen und Epiphyten besetzt.


Im Mooswald


Pilze

Die Temperaturen waren hier deutlich niedriger, deshalb nannten unsere Begleiter das Lager, in dem wir übernachteten "Cold Camp". Relativ abrupt endete der Mooswald, bald nachdem wir den Grenzkamm überquert hatten. Wieder ging es durch herrliche, relativ lichte Bergwälder, in denen vor allem Pilze in den verschiedensten Formen und Farben unsere Aufmerksamkeit erregten.

 

 

Pilze

 

 

Anddreas zeigte uns hier die einzige Schlange, die wir auf dieser Reise sahen.


Gut getarnte Schlange

An einem kleinen Fluß, der über zahlreiche Stufen und Wasserfälle floss, schlugen wir unser Lager auf. Um Fleisch zu beschaffen, führte die Mannschaft eine Flinte mit. Kurz vor Sonnenuntergang kehrten zwei der Männer mit ihrer Beute, einem Muntjak Hirsch und einem Bartschwein, zurück. Einen Teil des Fleisches bereiteten wir sofort über dem Feuer zu. Der Rest wurde durch räuchern haltbar gemacht, was fast die ganze Nacht dauerte. Obwohl in dieser Gegend am Oberlauf des Bahau heute niemand mehr lebt, war dies noch vor 30-40 Jahren ganz anders. Wiederholt kamen wir an den Orten aufgegebener Siedlungen vorbei. Zwar gab es hier keine Ruinen, aber Fruchtbäume zeugten von der ehemaligen Besiedlung. Wir sahen sogar Reste alter chinesischer Krüge, in denen die Asche der Toten bestattet wurde. Überall im Kayan Mentarang Gebiet hatte die Bevölkerung seit den 50er Jahren abgenommen. Die meisten Menschen wollten in Gegenden leben, wo moderne Güter billiger und leichter erhältlich sind. Daher wurden ganze Gebiete von ihren Bewohnern verlassen, wie südlich von Long Layou, oder hier. Als wir den Bahau erreichten, trafen wir am anderen Ufer auf den Amerikaner, dem die Rettungsexpedition galt. Er war durch eine Baumstammbrücke gebrochen und hatte sich dabei zwei Rippen verletzt. Glücklicherweise konnte er jetzt, eine Woche nach seinem Unfall, wieder laufen. Der Transport auf der Trage wäre in dem unwegsamen Gelände fast unmöglich gewesen. Während der Großteil unserer bisherigen Begleiter mit dem Amerikaner nach Long Banga zurückkehrte, setzten wir mit Anddreas und seinem über 70-jährigem Großvater unseren Weg fort. Der alte Mann hatte bis Ende der 50er Jahre in diesem Gebiet gelebt und kannte sich noch immer hervorragend aus.


Der Großvater

Abends am Lagerfeuer erzählte er Geschichten aus seiner Jugend, bevor das Christentum Einzug gehalten hatte. Es regnete zwar fast jeden Tag, doch meist erst spät nachmittags oder abends. Heute jedoch öffnete der Himmel bereits seine Schleusen, als wir noch unterwegs waren. Sofort verwandelten sich die Hänge in schmierige Rutschbahnen, die zahlreiche Stürze verursachten. Früh am nächsten Morgen brachen wir zu einem Erkundungsgang auf. Bald traten wir aus dem Wald, und vor uns lag eine weite Hügellandschaft, bedeckt mit grünem Gras. Hier eröffneten sich schöne Ausblicke auf die umliegenden Dschungelberge.



Eine seltene Gelegenheit, weil ansonsten die dichte Vegetation des Regenwaldes nur selten einen Ausblick gestattet. Dieses Grasland existierte schon zur Jugendzeit von Anddreas Opa. Trotzdem wurde es sicher ursprünglich von Menschen gerodet, denn wir fanden am Rande der Savanne Sekundärwald vor, der gerade erst das Gras verdrängt. Die Dayak brennen bei jedem Besuch Teile der Savanne ab, um die Wiederbewaldung zu verhindern. Das geschieht wohl vor allem, um die Grasländer als atttraktive Jagdgründe zu erhalten. Da diese Savanne gerade erst gebrannt hatte, marschierten wir etwas weiter und schlugen ein neues Lager in der Nähe eines anderen grasbedeckten Geländes auf. Bei einem weiterem Spaziergang gegen Abend, gelang es uns, neben Sambarhirschen, sogar zwei der größten Savannenbewohner zu entdecken: Schöne, schwarz und rotbraun gefärbte Banteng Wildrinder.

Der wilde Bahau

Der Bahau fließt hier im Oberlauf durch zahlreiche gefährliche Stromschnellen,

Oberlauf des Bahau

so daß wir zwei weitere Tage dem Lauf des Flusses folgten, bevor wir unser Boot einsetzten. Die alten Wege sind längst zugewachsen, weshalb es ziemlich schwierig war unseren Weg durch den dichten Sekundärwald zu bahnen, der jetzt die ehemaligen Felder bedeckte. Einige Male sahen wir Bartschweine in der Nähe, die uns während der heftigen Regenfälle kaum bemerkten. Manchmal folgten wir dem Flußlauf entlang von Felsblöcken. Dabei sahen wir Fischotter und Anddreas fing nach wenigen Minuten schon einen großen Fisch, den wir gleich aßen. Steile Uferwände zwangen uns manchmal zu Kletterpartien, die mit unseren schweren Rucksäcken nicht ganz einfach waren. Schließlich lag der schwierigste Abschnitt des Flusses hinter uns, und wir begannen die Fahrt mit unserem Schlauchboot. Obwohl es im Wildwasser eigentlich nur für zwei Leute geeignet ist, fuhren wir zu viert durch etliche Stromschnellen.


In den Stromschnellen

Manchmal, wo das Wasser zu flach war, gingen Anddreas und sein Opa auch ein Stück zu Fuß, bevor wir sie wieder ins Boot stiegen. Wir waren schon in Sichtweite von Apau Ping, dem ersten Dorf am Bahau, als wir kenterten. Eigentlich lagen die schwierigen Stellen bereits hinter uns, aber ein kurzer Augenblick der Unaufmerksamkeit zwang uns zu einer Schwimmpartie. Peinlicherweise hatten Dorfleute unseren kleinen Unfall beobachtet! Im Abstand von etwa 10 Kilometern kamen wir am nächsten Tag an zwei kleinen Dörfern der Kenyah-Dayak vorbei. Sie bauen überwiegend Bergreis im Wanderfeldbau an. Dabei ernten sie nur einmal von einer Fläche und lassen sie dann mindestens 10 Jahre brach liegen, bevor sie an derselben Stelle erneut ein Feld anlegen. In dieser Zeit gewinnt der Boden seine Fruchtbarkeit zurück. Entlang des Flusses war fast der gesamte Dschungel schon einmal gerodet worden und bildete jetzt ein Mosaik aus Sekundärwald verschiedenen Alters. Urwald wird heute kaum noch gerodet, da die Bevölkerungszahl konstant ist, und keine Notwendigkeit besteht, Primärwald in Felder umzuwandeln. Der Bahau floss mit etwa 4 Metern Gefälle pro Kilometer ziemlich rasch dahin. Zwar gab es zahlreiche Stromschnellen, die jedoch meist ohne Probleme zu bewältigen waren. Nur einige Male zogen wir das Boot am Ufer entlang, um eine schwierige Stelle nicht befahren zu müssen. In Long Alango trennten wir uns von Anddreas und seinem Opa, die dort Verwandte haben. Der Bahau bildet hier die Grenze des Nationalparks. Holzkonzessionen außerhalb des Reservats sind bereits vergeben. Das traditionelle Oberhaupt dieses Gebietes will mit allen Mitteln verhindern, daß die Firmen seine Region zerstören. Nachdem wir am nächsten Tag einige Stunden weitergefahren waren, ließen wir unser Boot am Bahau zurück und wanderten einen Nebenfluß aufwärts bis zur Lalut Birai Forschungsstation des WWF. Während der Tage, die wir dort verbrachten, erfuhren wir viel über die Arbeit der Naturschutzorganisation in Kayan Mentarang, und unternahmen einige Exkursionen in den umliegenden, ursprünglichen Dschungel. Bevor wir mit unserem Boot weiterfahren konnten, mußten wir ein kleines Loch flicken, was aber ohne Probleme gelang. Enge Basaltschluchten mit dunklen, scharfkantigen Felsen und offenere Abschnitte, in denen der Fluß breiter dahinströmte, wechselten sich immer wieder ab.
Einmal begegneten uns drei Jäger mit einer Meute kleiner Hunde. Bald hatten sie ein Bartschwein gestellt, das von den Dayak mit dem Speer getötet wurde. Kurz danach erbeuteten sie eine weitere Sau, die die Hunde in den Fluß getrieben hatten. Wir achteten darauf nicht zu dicht am Wasser zu lagern, was sich als sinnvoll herausstellte, als ein nächtliches Unwetter den Fluß anschwellen ließ. Glücklicherweise fiel ein schwerer Ast nicht auf uns, der in der Nähe von einem Baum abbrach! Der höhere Wasserstand war uns ganz recht, da er die zahlreichen Stromschnellen am nächsten Tag leichter passierbar machte. Viele der Felsen waren weit unter dem Wasserspiegel verschwunden. Den Abschnitt, den uns die Einheimischen als schwierig geschildert hatten, bewältigten wir ohne größere Probleme. Doch dann kam eine weitere Stromschnelle in einer scharfen Kurve, die wir uns nicht vorher anschauten, weil wir dachten, die schwierigen Stellen liegen bereits hinter uns. Wir manövrierten knapp an einem Felsen vorbei, und das Boot stand nicht ganz gerade, als wir eine Schwelle hinab sausten. Daraufhin wurden wir von einer großen Welle breitseits getroffen und umgeworfen. Es dauerte einige Zeit, bevor wir in der schnellen Strömung mit dem Boot das Ufer erreichen konnten. Glücklicherweise hatten wir lediglich Martins Hut verloren! Im Regen erreichten wir Long Pujungan, einen Verwaltungsort am Rand des Nationalparks, den der Bahau hier endgültig verlässt.


WWF-Büro in Long Pujungan

Seit 5 Jahren gibt es eine Holzpiste bis hierher. Inzwischen waren entlang des Flusses überall die Holzfäller am Werk, und es reizte uns nicht, mit unserem Boot weiter zu fahren.


Das Ende des unberührten Regenwaldes

Statt dessen gelangten wir von hier aus in einem Tag mit einem Langboot, das Passagiere und Waren beförderte, zur Küste. In sechs Wochen hatten wir Borneo durchquert und dabei einerseits die Schönheit des Regenwaldes gesehen, andererseits aber auch vielerorts erlebt, wie bedroht dieses Paradies ist.